8. KAPITEL
DIE LEUCHTEN WERDEN GEFUNDEN
Sergeant Daw machte zunächst Einwände, entschloß sich dann aber, uns privat in einer Sache zu raten, die man ihm vortragen würde. Allerdings fügte er hinzu, daß er uns nur mit seinem Rat zur Verfügung stünde. Sollte sich aktives Handeln als nötig erweisen, müßte er sich erst an seine Dienststelle wenden. Bei diesem Stand der Dinge ließ ich ihn im Arbeitszimmer allein, und führte Miß Trelawny und Mr. Corbeck zu ihm. Ehe wir aus dem Krankenzimmer gingen, nahm Schwester Kennedy ihren Platz am Bett wieder ein.
Die vorsichtige, besonnene, präzise Art mit der der Weitgereiste seinen Fall vortrug, rang mir Bewunderung ab. Er schien nichts zu verbergen und doch fiel die Beschreibung der fehlenden Gegenstände so aus, daß er nicht zuviel verriet. Über die rätselhafte Seite des Falles verbreitete er sich gar nicht, sondern stellte das alles als gewöhnlichen Hoteldiebstahl hin. Wer wie ich wußte, daß es sein oberstes Ziel war, die Dinge wiederzubekommen, ehe ihre Herkunft entdeckt wurde, erkannte das intellektuelle Geschick, das dahinterstand, als er die nötigen sachlichen Angaben machte, während er mit allem anderen zurückhielt, ohne daß man es merkte. »Wahrhaftig«, dachte ich bei mir, »der Mann hat seine Lektion in den Basars des Ostens gut gelernt. Und dank seines westlichen Verstandes übertrifft er seine Lehrmeister!« Er legte eben dem Detektiv seine Idee dar, und dieser sagte nach kurzem Nachdenken:
»Pot oder Waage, das ist die Frage?«
»Was soll das heißen?« fragte der andere wachsam.
»Das ist Diebesjargon aus Birmingham. Ich dachte, man wußte das heutzutage, da jedermann Slang spricht. Früher kauften die Gold- und Silberschmiede jedem der damit kam, Feinmetall ab, und der Preis hing davon ab, ob der Gegenstand eingeschmolzen wurde – in diesem Fall bestimmte der Käufer den Preis, und der Schmelzpot hing ständig über dem Feuer. Sollte das Ding aber seine Gestalt behalten, wanderte es auf die Waage und erzielte den Standardpreis für Altmetall.
Heutzutage geht es uns nicht viel anders. Wenn wir nach gestohlenen Uhren fahnden, stoßen wir oft auf die Uhrwerke, doch ist es unmöglich Rädchen und Federn aus einem großen Haufen auszusondern. Hingegen finden wir sehr selten die gesuchten Gehäuse. Im vorliegenden Fall wird viel davon abhängen, ob der Dieb ein guter Mann ist – das heißt, ob er sein Geschäft versteht. Ein Klassegauner weiß stets, ob ein Ding mehr Wert hat als nur den Metallwert. In diesem Fall wird er es jemandem geben, der es später losschlagen kann – in Amerika oder vielleicht in Frankreich. Glauben Sie übrigens, daß außer Ihnen noch jemand die Leuchten erkennen würde?«
»Niemand!«
»Gibt es noch andere dieser Art?«
»Nicht daß ich wüßte, obwohl es welche geben könnte, die ihnen in vielen Einzelheiten gleichen.«
Der Detektiv ließ eine Pause eintreten, ehe er weiterfragte:
»Würde eine geschulte Person – jemand vom Britischen Museum, beispielsweise, ein Händler oder ein Sammler wie Mr. Trelawny, den Wert – den künstlerischen Wert – der Leuchten erkennen?«
»Ganz gewiß! Jeder der Augen im Kopf hat würde auf den ersten Blick sehen, daß es sich um Kostbarkeiten handelt!«
Die Miene des Detektivs erhellte sich. »Dann besteht eine Chance. Wenn Ihre Tür verschlossen war und das Fenster verriegelt, wurden die Sachen nicht zufällig vom Zimmermädchen oder Hausknecht gestohlen. Wer die Sachen mitgehen ließ, der war mit Absicht dahinter her. Und er wird sich von seiner Beute nicht trennen, ohne seinen Preis zu verlangen. Man muß also die Pfandleiher ins Vertrauen ziehen. Ja, ein wahres Glück, daß wir Scotland Yard nicht davon in Kenntnis setzen. In diesem Fall ist die Geheimhaltung unsere Chance.«
Nach einer kleinen Pause meinte Mr. Corbeck leise:
»Ich nehme an, Sie können nicht annähernd abschätzen, wie der Raub zustande kam?«
Der Polizeibeamte lächelte, und in seinem Lächeln lagen Wissen und Erfahrung.
»Zweifellos auf ganz einfache Weise, Sir. Schließlich und endlich erweisen sich all diese geheimnisvollen Verbrechen meist als ureinfach. Der Verbrecher kennt sein Metier mit allen Tricks. Und er ist ständig auf Möglichkeiten aus. Über dies weiß er aus Erfahrung, wie diese Möglichkeit beschaffen sind und wie sie sich gewöhnlich ergeben. Die Gegenseite hingegen hat nur ihre Vorsicht. Man kann ja nicht alle Tricks und Fallen kennen. Ein kleines Versäumnis genügt, und die Falle ist zugeschnappt. Wenn wir schließlich alles über diesen Fall wissen werden, werden Sie sich sehr wundern, daß Sie nicht sogleich hinter die Methode gekommen sind!«
Mr. Corbeck schien daraufhin ein wenig verärgert. Als er antwortete, geschah es auf hitzige Art:
»Sehen Sie, lieber Freund, in diesem Fall ist nichts einfach – bis auf die Tatsache, daß die Sachen verschwunden sind. Das Fenster war zu, der Kamin war zugemauert. Das Zimmer hatte nur eine Tür, und die war verschlossen und verriegelt, ein Oberlicht war nicht vorhanden. Kommen Sie mir nicht mit Hoteldiebstählen durch das Oberlicht! In der Nacht ging ich nicht aus dem Zimmer. Ehe ich zu Bett ging, sah ich bei den Sachen noch mal nach, und ich sah sofort nach dem Erwachen wieder nach. Wenn Sie aus diesen Tatsachen einen einfachen Raub konstruieren wollen, dann müssen Sie ein kluger Mann sein. Mehr sage ich nicht. Jedenfalls klug genug, um loszumarschieren und mir meine Sachen zurückzubringen.«
Miß Trelawny legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm und sagte leise:
»Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Ich bin sicher, die Sachen tauchen wieder auf.«
Sergeant Daw wandte sich ihr mit einer solchen Plötzlichkeit zu, daß sich mir sofort lebhaft die Erinnerung an seinen bereits geäußerten Verdacht aufdrängte.
»Darf ich fragen, worauf sich Ihre Ansicht stützt?« fragte er nun.
Ich fürchtete ihre Antwort, weil sie vor jemandem ausgesprochen wurde, der bereits Argwohn geäußert hatte. Ihre Worte waren für mich ein neuer schmerzlicher Schock:
»Ich kann es Ihnen nicht sagen, woher ich es weiß. Aber ich bin dessen absolut sicher!« Der Detektiv sah sie schweigend an, um mir sodann einen verstohlenen Blick zuzuwerfen.
In weiterer Folge besprach er mit Mr. Corbeck noch Einzelheiten bezüglich seines eigenen Verhaltens, bezüglich des Hotels und des Zimmers und der Mittel zur Identifizierung der Dinge. Dann empfahl er sich, um mit den Ermittlungen zu beginnen, nachdem Mr. Corbeck ihm die Notwendigkeit der Geheimhaltung eingeprägt hatte, damit der Dieb nicht Wind von der Sache bekäme und die Leuchten womöglich zerstörte. Ehe Mr. Corbeck ging, um verschiedene eigene Angelegenheiten zu erledigen, sagte er zu, früh am Abend wiederzukommen und im Haus zu bleiben.
Den ganzen Tag über war Miß Trelawny besserer Laune und sah gesünder und kräftiger aus als je zuvor, trotz des neuen Schocks, den die Nachricht vom Diebstahl mit sich gebracht hatte und der für ihren Vater gewiß eine große Enttäuschung bedeutete.
Wir brachten den Tag größtenteils damit zu, die Raritätensammlung Mr. Trelawnys zu sichten. Nach dem, was ich von Mr. Corbeck gehört hatte, bekam ich langsam eine Ahnung, wieviel er auf dem Gebiet der Ägyptologie unternommen hatte. Und in diesem Licht gewann alles um mich herum an Interesse, und dieses Interesse wuchs immer mehr. Jegliche geheime Zweifel, die ich gehegt haben mochte, verwandelten sich in Bewunderung und Staunen. Das ganze Haus stellte eine Sammelstätte für die Wunder altägyptischer Kunst dar. Zu den großen und kleinen Raritäten in Mr. Trelawnys Zimmer – angefangen von großen Sarkophagen bis herunter zu Skarabäen aller Arten in den Schränken – waren das große Vestibül, die Treppenabsätze, das Arbeitszimmer und sogar das Empfangszimmer angefüllt mit alten Stücken, die einem Sammler den Mund wäßrig gemacht hätten.
Miß Trelawny begleitete mich und besah sich ebenfalls alles mit wachsendem Interesse. Nachdem wir uns ein paar Schränke voller exquisiter Amulette angesehen hatten, sagte sie ganz naiv zu mir:
»Sie werden es kaum glauben, aber ich habe mir die Dinge bislang kaum angesehen. Erst seit Vater krank ist, bringe ich wenigstens ein Spur Interesse dafür auf. Nun aber scheinen sie für mich an Größe und Bedeutsamkeit zu gewinnen – auf geradezu verzehrende Art. Hm, vielleicht macht sich die ererbte Sammelleidenschaft bei mir bemerkbar. Wenn dem so ist, dann ist es umso seltsamer, daß ich bis jetzt nichts davon gespürt habe. Natürlich kenne ich die großen Dinge und habe sie mir auch hin und wieder angesehen, aber immer nahm ich sie für selbstverständlich, als wären sie immer schon dagewesen. Dasselbe ist mir bei Familienfotos passiert, die werden von der Familie meist auch als alltäglich angesehen. Wie schön wäre es, wenn wir uns die Dinge gemeinsam ansehen könnten!«
Für mich war es eine Freude, sie so sprechen zu hören. Und ihr letzter Vorschlag gar entzückte mich. Wir durchschritten also gemeinsam die zahlreichen Räume und Gänge, und besichtigten und bewunderten die herrlichen Stücke. Doch war hier eine solche Vielzahl der verschiedensten Objekte ausgestellt, daß wir uns meist mit einem kurzen Blick begnügen mußten. Während unseres Rundgangs verabredeten wir deshalb, wir würden sie der Reihe nach, Tag für Tag, noch einmal und diesmal genauer ansehen. Im Vestibül befand sich eine Art großer Rahmen aus Stahl, mit verschnörkeltem Zierat versehen, den ihr Vater zum Anheben, der schweren steinernen Sarkophagdeckel verwendete, wie Margaret mir erklärte. Das Ding war nicht schwer und konnte leicht bewegt werden. Mit seiner Hilfe hoben wir nacheinander die Deckel und sahen endlose Reihen von Hieroglyphenbildern, die in das Innere eingemeißelt waren. Trotz ihrer eingestandenen Unkenntnis wußte Margaret ziemlich viel über sie. Das eine mit ihrem Vater verbrachte Jahr hatte sie unbewußt mit seinen täglichen und stündlichen Lektionen geprägt. Sie war ein bemerkenswert kluges und scharfsinniges Mädchen und besaß dazu ein hervorragendes Gedächtnis, so daß ihr Wissensstand, den sie sich Schritt für Schritt unabsichtlich angeeignet hatte, zu einem Umfang angewachsen war, um den sie mancher Student hätte beneiden können.
Und doch war das alles so naiv und unbewußt, so mädchenhaft und schlicht. Sie war so unverfälscht in ihren Ansichten und Ideen und dazu so unbefangen, daß ich in ihrer Gesellschaft eine Zeitlang alle Kümmernisse und Geheimnisse vergaß, die das Haus einhüllten. Und ich fühlte mich wieder in meine Knabenzeit versetzt…
Die interessantesten Sarkophage waren zweifellos die drei in Mr. Trelawnys Zimmer. Zwei davon waren aus dunklem Stein, einer aus Porphyr und der andere aus einer Art Eisenstein. Diese beiden waren mit Hieroglyphen geschmückt. Der dritte jedoch war gänzlich verschieden. Er war aus einer gelbbraunen Substanz von der Farbe mexikanischen Onyxes, an den sie in mancher Hinsicht erinnerte, nur war die natürliche Maserung weniger ausgeprägt. Auffallend waren gewisse Stellen, die, wenn schon nicht durchsichtig, so zumindest durchscheinend waren. Der ganze Behälter samt Deckel war über und über mit Hunderten, ja Tausenden winziger Hieroglyphen bedeckt, die scheinbar endlose Reihen bildeten. Hinterseite, Vorderseite, Seitenteile, Kanten, Boden, alles war voller feiner Bildchen, deren tiefblaue Farbe sich frisch und deutlich vom Gelb des Steines abhob. Der Sarkophag war sehr lang, fast neun Fuß, und etwa ein Yard breit. Die Seitenteile waren gewölbt, so daß es daran keine scharfen Linien gab. Sogar die Kanten waren so vollendet gerundet, daß sie einen wohlgefälligen Anblick bildeten.
»Also wirklich«, sagte ich, »das muß ja für einen wahren Riesen geschaffen worden sein.«
»Oder für eine Riesin!« gab Margaret zurück.
Dieser Sarkophag stand in der Nähe eines der Fenster. Er unterschied sich in einer Hinsicht von den anderen Sarkophagen im Haus. Alle anderen nämlich, egal aus welchem Material sie gefertigt waren – Granit, Porphyr, Eisenstein, Basalt, Schiefer oder Holz –, waren innen ganz einfach in der Form. Nirgends waren Ausbuchtungen oder Unebenheiten zu sehen. Man hätte sie für Badewannen halten können, ja, in der Tat, sie erinnerten in mancher Hinsicht an die römischen Wannen aus Stein oder Marmor, die ich gesehen hatte. Im Inneren dieses einen Sarkophags jedoch befand sich eine Erhebung, die die Umrisse einer menschlichen Gestalt hatte.
Ich fragte Margaret danach, und sie sagte darauf:
»Vater wollte nie über diesen Sarkophag sprechen. Ich hatte mich von allem Anfang an dafür interessiert, aber als ich ihn darüber befragte, sagte er: »Eines Tages werde ich dir alles darüber erzählen, kleines Mädchen – wenn ich es erlebe! Aber jetzt nicht! Diese Geschichte, die ich dir erzählen möchte, ist so noch nie erzählt worden! Eines Tages, vielleicht sehr bald, werde ich alles wissen. Und dann werden wir sie uns gemeinsam anhören. Eine überaus interessante Geschichte, du wirst schon sehen – vom Anfang bis zum Ende!« Und einmal sagte ich, leichten Sinnes, wie ich leider zugeben muß: »Vater, wurde die Geschichte dieses Sarkophags schon erzählt?« Er aber schüttelte den Kopf und sah mich ernst an, als er sagte: »Noch nicht, mein Mädchen. Aber sie wird erzählt – wenn ich es erlebe –, wenn ich es erlebe!« Dieser ständig wiederholte Satz ängstigte mich. Ich wagte nie wieder, ihm diese Frage zu stellen.«
Ich wurde von Erregung gepackt, und konnte doch nicht sagen wie oder warum. Doch mir war, als würde sich schließlich ein Lichtstrahl zeigen. Es gibt meiner Ansicht nach Momente, in denen das Bewußtsein etwas als wahr akzeptiert, obgleich es weder für den Gedankengang noch für Querverbindungen unter den Gedanken verantwortlich gemacht werden kann. Bislang hatten wir im Hinblick auf Mr. Trelawny und die sonderbare Heimsuchung, die ihn befallen hatte, im dunkeln getappt, so daß alles, was uns auch nur den leisesten und schwächsten Hinweis gab, uns sogleich als befriedigende und erhellende Gewißheit erschien. Und hier hatten wir gleich zwei Lichtquellen, die unser Rätsel aufhellten. Erstens nämlich, daß Mr. Trelawny mit diesem einen Stück Befürchtungen für sein Leben verband. Zweitens leitete er davon gewisse Erwartungen ab, die er, solange sie nicht erfüllt waren, nicht einmal seiner Tochter anvertrauen wollte. Wieder drängte sich einem die Tatsache auf, daß sich dieser Sarkophag im Inneren von allen anderen unterschied. Was bedeutete diese merkwürdig erhabene Stelle? Zu Miß Trelawny sagte ich nichts, denn ich wollte ihr weder Angst machen noch in ihr trügerische Hoffnungen wecken. Ich faßte hingegen den Entschluß, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit weitere Nachforschungen anzustellen.
In unmittelbarer Nähe des Sarkophages stand ein niederer Tisch aus grünem, rotgeädertem Stein, ähnlich dem Blutstein. Die Füße waren den Pfoten eines Schakals nachgebildet, und um jedes Bein schlang sich eine aus purem Gold wundervoll gearbeitete Schlange mit offenem Rachen. Darauf ruhte ein seltsam wunderschönes Ding, Truhe oder Kasten, aus Stein gefertigt und von ganz besonderer Form. Es sah aus wie ein kleiner Sarg, bloß liefen die beiden längeren Seitenteile spitz zusammen, während der obere, waagrechte Teil abgeschnitten war. Das Ganze war ein ungleichmäßiger siebeneckiger Behälter, mit zwei Flächen auf jeder Seite, einem spitzen Ende und eine Ober- und Unterseite. Das Stück Stein, aus dem das Gebilde gehauen war, war mir dem Aussehen nach ganz unbekannt. Unten an der Basis war er sattgrün, im Ton des Smaragdes, natürlich ohne dessen Glanz. Doch war er auch nicht stumpf, weder der Farbe noch der Substanz nach. Das Material war ungemein Hart und dazu fein von der Struktur her. Die Oberfläche war ähnlich der eines Edelsteins. Die Tönung wurde nach oben hin intensiver, in unmerklichen Abstufungen, bis sie das feine Gelb des »Mandarin«-Porzellans erreichte. Ich vermutete, daß es sich dabei um das Muttergestein oder die Grundmasse eines Edelsteins handelt. Und bis auf wenige Stellen wies es feine, hervorragend ziselierte und getönte Hieroglyphen auf, ähnlich jenen am Sarkophag. Der Länge nach maß das Ding etwa zweieinhalb Fuß. Es war halb so breit und knapp ein Fuß hoch. Die leeren Stellen waren ungleichmäßig am oberen Ende verteilt und verliefen bis zum spitzen Ende. Diese Stellen wirkten weniger opak als alles übrige. Ich versuchte den Deckel anzuheben, um festzustellen, ob sie durchscheinend waren, doch es glückte nicht. Er paßte so haargenau, daß die ganze Truhe wie ein einziges Stück Stein aussah, das auf geheimnisvolle Weise von innen ausgehöhlt worden war. An Seiten und Ecken waren wunderlich aussehende Auswölbungen, meisterhaft gearbeitet wie alles andere, Auswölbungen, die man mit einer bestimmten Absicht angebracht hatte, und die mit kunstvollen hieroglyphischen Figuren geschmückt waren.
Auf der anderen Seite des großen Sarkophags stand ein zweites Alabastertischchen, verziert mit symbolischen Göttergestalten und den Tierkreiszeichen. Auf diesem Tisch stand ein würfelförmiger Behälter aus Bergkristall von einem ganzen Bänderskelett aus Rotgold zusammengehalten. Der Farbton war ein Blaugrün, ähnlich der Farbe der Figuren auf Sarkophag und Truhe. Dieses Ding hier aber war ganz modern.
War der Behälter auch modern, so war es der Inhalt keineswegs. Darin lag nämlich auf einem Kissen aus seidenweichem Goldgewebe, so weich, wie ich es noch nie gesehen hatte, eine Mumienhand, so vollkommen, daß man bei ihrem Anblick erschrak. Eine Frauenhand, lang und schmal, mit feinen, empfindsamen Fingern – fast ebenso makellos wie vor Tausenden von Jahren, als man sie einbalsamierte. Die Hand hatte durch den Einbalsamierungsvorgang nichts von ihrer schönen Form eingebüßt. Sogar das Gelenk schien biegsam, wie es da sanft gewölbt auf dem Kissen lag. Der Farbton der Haut war sahnig oder von der Färbung alten Elfenbeins. Eine verschattet helle Haut, die einen an Hitze denken ließ, an eine durch Schatten gefilterte Hitze. Aber die große Besonderheit dieser Hand lag darin, daß sie insgesamt sieben Finger hatte, nämlich zwei Mittelfinger und zwei Zeigefinger. Der obere Teil des Gelenkes verlief gezackt, als wäre es abgebrochen. An dieser Stelle sah man rotbraune Flecken. Auf dem Kissen neben der Hand lag ein kleiner, hervorragend gearbeiteter Skarabäus aus Smaragden.
»Das ist auch eines von Vaters Geheimnissen. Als ich ihn darüber befragte, sagte er, es wäre vermutlich das kostbarste Stück, das er hätte – das kostbarste bis auf eines. Als ich ihn fragte, was dieses eine wäre, wollte er es mir nicht sagen und verbot mir strickt, ihm darüber Fragen zu stellen. »Ich werde es dir sagen«, hatte er gemeint, »alles, und zwar bald – wenn ich es erlebe!«